Grußwort des Niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff

 

 

Festvortrag der Historikerin Dr. Sabine Wehking

 

 


 

 

 

Grußwort des Niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff anlässlich des Festaktes „1000 Jahre Flecken Gieboldehausen“,
24. Mai 2003 in Gieboldehausen

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Leineweber, sehr geehrter Herr Samtgemeindebürgermeister Grobecker, sehr geehrte Abgeordnete des Deutschen Bundestages und des Niedersächsischen Landtages, meine sehr verehrten Damen und Herren! 

Die Schirmherrschaft, die Sie mir über Ihr Ortsjubiläum angetragen haben, ist für mich eine große Ehre. Ich habe sie gerne angenommen und freue mich, heute bei Ihnen zu sein, nicht zuletzt deswegen, weil mir dieser Anlass Gelegenheit gibt, nicht nur als niedersächsischer Ministerpräsident zu Ihnen zu sprechen, sondern auch in meiner Eigenschaft als der für die niedersächsische Landesgeschichte gewissermaßen ohnehin „zuständige“ Ressortminister. Diese Eigenschaft ergibt sich aus der Tatsache, dass nach alter preußischer Tradition in Niedersachsen die Staatsarchive mit ihrer Generalverantwortung für die gesamte historisch und rechtlich bedeutsame schriftliche Überlieferung des Landes zum Geschäftsbereich der Staatskanzlei gehören. Ein zweifelsfrei gesichertes Alter von mindestens 1000 Jahren - das können in Deutschland nur sehr wenige Orte für sich in Anspruch nehmen, denn als Gieboldehausen vor 1000 Jahren in einer Urkunde König Heinrichs II. namentlich zum ersten Mal genannt wurde, lag über dem größten Teil unseres Vaterlandes noch das Dunkel einer weitgehend unbekannten Vergangenheit. In dieses Dunkel fällt allenfalls durch archäologische Funde manchmal ein wenig Licht, aber auch dann wissen wir nur, dass bestimmte Orte schon früh besiedelt gewesen sind; nie jedoch reicht solches Wissen aus, einem einzelnen Wohnplatz schon für diese sprichwörtlichen „grauen Vorzeiten“ ein Gesicht zu geben. Dazu bedarf es vielmehr eines Namens. 

… Heute dagegen leben wir bekanntlich in einer eng vernetzten Welt, in der stets das gesamte Geschehen rund um den Globus allgegenwärtig ist, die gekennzeichnet ist von grenzenloser schneller Kommunikation, von hoher Mobilität, von dauernder Veränderung in immer kürzeren Zyklen und komplexen, für den Einzelnen oft gar nicht mehr durchschaubaren Strukturen. In dieser Welt wären wir weitgehend orientierungslos, wenn wir nicht wenigstens an einer Stelle einen festen emotionalen Anker hätten. Ein solcher Anker ist unsere Heimatgemeinde, in der in vertrauten Bahnen unser tägliches Leben abläuft, in der wir unsere Mitmenschen kennen und nach den Prinzipien der kommunalen Selbstverwaltung die öffentlichen Belange eigenverantwortlich gestalten bzw. zumindest beeinflussen können - und deshalb auch wissen, was und warum in unserer Umgebung geschieht. Dieses zweifellos anspruchsvolle Leitbild mit Leben zu füllen, ist nicht leicht, denn es verlangt ein hohes Maß an Bürger- und Gemeinsinn, es verlangt Uneigennützigkeit und die Bereitschaft zu vielfältiger ehrenamtlicher Tätigkeit, es verlangt manches persönliche Opfer und häufig genug auch ein Stück Selbstverleugnung, und es verlangt schließlich Durchhaltefähigkeit angesichts von Widerständen sowie die dauernde Bereitschaft zum Kompromiss, insbesondere dann, wenn das Geld knapp ist und das Wünschbare auf das meist deutlich niedrigere Niveau des Realisierbaren schrumpfen muss. Gerade dann ist die Besinnung auf die eigenen ortsspezifischen Handlungspotentiale notwendig, gerade dann zeigt sich aber auch, wie viel Kraft aus einer funktionierenden lokalen Identität zu ziehen ist und welches hohe Maß an Geborgenheit sie den Menschen geben kann. Solche lokale und regionale Identität fällt aber nicht einfach vom Himmel, sondern sie muss durch aktives Tun und regelmäßige Selbstvergewisserung gepflegt und stetig weiterentwickelt werden. Ein für mich ganz wichtiges Element ist dabei die Beschäftigung mit der eigenen Geschichte. Wenn wir wissen wie die Menschen in unserem Heimatort und seiner Umgebung früher gelebt und gearbeitet haben, wenn wir wissen, wer unsere Vorfahren waren, woran sie sich orientiert haben, mit welchen Problemen sie zu kämpfen und welche Nöte sie auszustehen hatten, wenn wir wissen, wie und warum sich unsere Gemeinde bzw. unsere regionale Heimat im Laufe der Geschichte zu dem entwickelt hat, was sie heute ist - dann eröffnet sich uns ganz selbstverständlich ein weiter Horizont, der uns davor bewahrt, mit verengtem Blick nur die Gegenwart zu sehen und dabei die Zukunft zu vergessen. Selbstverständlich liefert die Geschichte keine Patentrezepte für die Bewältigung der vor uns liegenden Aufgaben, aber sie zeigt uns, dass viele unserer gegenwärtigen Probleme keineswegs neu sind, sondern in Wahrheit uralt und sich lediglich in ihren äußeren Erscheinungsformen gewandelt haben. Aus der Geschichte können wir daher auf jeden Fall die begründete Zuversicht gewinnen, dass Probleme, die die Menschen vor uns mit ihren vielfach bescheideneren Mitteln erfolgreich bewältigt haben, auch für uns nicht unlösbar sein können. Gerade in dieser Hinsicht bietet die tausendjährige Geschichte von Gieboldehausen manches lehrreiche Beispiel. Wie schwer die Lasten auch waren, die die Menschen hier zu tragen hatten, sei es als Folge von Kriegen oder als Folge von Überschwemmungen, Bränden, Seuchen und Hungersnöten - nie haben sie ihre Zuversicht, ihr Gottvertrauen und ihre daraus erwachsende Tatkraft verloren. Aus jeder Talsohle haben sie sich daher langsam wieder emporarbeiten können, nicht zuletzt dank ihres festen katholischen Glaubensfundamentes. Die überwiegende Mehrheit der Menschen in Gieboldehausen blieb daher zwischen 1933 und 1945 auf Distanz zum nationalsozialistischen Regime und war somit in der Lage, den vielfältigen Gefährdungen dieser Zeit angemessen zu begegnen.  Auch in der jüngeren Vergangenheit hat Gieboldehausen eindrucksvoll bewiesen, welche Kraft aus gelebter lokaler Identität zu ziehen ist von der unmittelbaren Nähe der Deutschland und Europa nach 1945 spaltenden und wirtschaftlich meist lähmend wirkenden Grenze haben sich die Menschen hier nicht einschüchtern lassen - im Gegenteil! Gerade zu einer Zeit, als noch niemand die Wiedervereinigung unseres Vaterlandes vorhersehen konnte, fanden hier Kommunalpolitik und Verwaltung den Mut, mit langfristig angelegten Maßnahmen gezielt einen nachhaltigen Strukturwandel einzuleiten, der Gieboldehausen inzwischen den größten Entwicklungssprung seiner 1000jährigen Geschichte gebracht hat - einen Entwicklungssprung allerdings, bei dem die notwendige Modernisierung nicht auf Kosten der historischen Wurzeln gegangen ist, sondern diese geachtet und bewahrt hat. Treibende Kraft bei all diesen Schritten war Ihr langjähriger Bürgermeister, Landrat und Landtagsabgeordneter, der unvergessene Willi Döring (gestorben 1997), an den ich deshalb heute gerne erinnere. In seinem vielfältigen Wirken hat sich das Motto dieser Festveranstaltung gewissermaßen personifiziert niedergeschlagen: „Vergangenheit erinnern - Gegenwart bewahren - Zukunft gestalten“.

Ich hoffe, dass dieser schöne Dreiklang auch weiterhin für Gieboldehausen prägend bleibt, und wünsche Ihnen für den Start ins zweite Millennium alles Gute und einen harmonischen Verlauf dieses seltenen Festes.

 


 

Festvortrag der Historikerin Sabine Wehking anlässlich des Festaktes
„1000 Jahre Flecken Gieboldehausen“,
24. Mai 2003 in Gieboldehausen

Meine sehr geehrten Damen und Herren, 

1000 Jahre Gieboldehäuser Geschichte soll ich hier erneut rednerisch bewältigen. Und streng genommen sind es sogar weit mehr als 1000 Jahre. Denn eine Ansiedlung namens Gebehildehuson existierte schon ein ganze Weile so vor sich hin und sah auf der hier entlangführenden Straße eine ganze Menge bedeutender Herrschaften vorbeiziehen, bis endlich mal einer auf die Idee kam, Halt zu machen und hier die laufenden Amtsgeschäfte zu erledigen. Das war am 25. Mai 1003, einem Dienstag - sicherlich ein strahlend schöner Frühlingstag -, und derjenige der hier haltmachte war der frisch gekrönte König Heinrich II.
Die Gegend gefiel ihm und die nahegelegene Pfalz Pöhlde sollte im Laufe der Zeit zu einem seiner bevorzugten Aufenthaltsorte werden. Gestorben ist er auch in der Nähe, in der Pfalz Grona nahe einem Dörfchen namens Gutingi, aus dem mal Göttingen werden sollte. Heinrich II. wurde später heilig gesprochen, nicht wegen des Halts in Gieboldehausen und der damit verbundenen urkundlichen Ersterwähnung, aber doch immerhin als einziger deutscher König und Kaiser.  

Doch zurück zu dem schönen sonnigen Frühlingstag im Jahr 1003. Der Ruf ‚Der König kommt’ war in Zeiten des Reisekönigtums keineswegs unbedingt ein Freudenschrei, brachte der König doch ein großes Gefolge mit, das versorgt werden wollte. Auch nur ein kurzer Aufenthalt konnte für einen Wirtschaftshof mittlerer Größe, wie es Gieboldehausen damals vermutlich war, eine erhebliche Belastung bedeuten. Immerhin - Gieboldehausen hat den Besuch des Königs wirtschaftlich überlebt und so müssen wir es heute nicht unter die Wüstungen zählen.  Heinrich II. wäre vermutlich sehr erstaunt gewesen zu erfahren, welches Aufheben nun, 1000 Jahre, später gemacht wird, nur weil sein Gefolge wegen des strahlenden Sonnenscheins zwischen Rhume und Hahle die Klappstühle und den Arbeitsfalttisch aufstellte, damit man den Tagesgeschäften nachgehen konnte. Befaßt sich doch die hier ausgestellte Urkunde mit Privilegien der Hamburg-Bremischen Kirche und der Bremer Kaufleute, so daß die heute eigentlich eher Grund zum Feiern hätten. Stattdessen feiern die Gieboldehäuser, nur wegen eines unscheinbaren Vermerks unter der Urkunde, der da lautet actum Gebehildehuson, gegeben zu Gieboldehausen, unter dem Datum octavas Kalendas Iunii anno dominicae incarnationis millesimo tertio, am achten Tag vor den Kalenden des Juni im Jahr der Fleischwerdung des Herrn 1003.  Und sie feiern zurecht, dann mal angenommen, es hätte am 25. Mai 1003 aus Kübeln geschüttet und Hahle und Rhume wären in gewohnter Weise über die Ufer getreten, wie lange hätte es noch dauern können, bis der nächste durchreisende Würdenträger auf die Idee gekommen wäre, die Existenz des Ortes durch einen Ausstellungsvermerk unter einer Urkunde für die Nachwelt zu belegen. Schließlich ist es kein Vergnügen, die Tausendjahrfeier milde belächelt von allen Nachbarorten abzuhalten, die diese schon lange hinter sich haben. So bedanken wir uns beim heiligen König Heinrich und seiner Kanzlei - auch für die Weitsicht, den 1000sten Jahrestag der Urkundenausstellung unter Berücksichtigung sämtlicher Kalenderreformen auf einen Sonntag zu plazieren - und ich stehe nach wie vor vor dem Problem, Ihnen tausend Jahre Gieboldehäuser Geschichte nahezubringen.

Tausend Jahre, das sind weit mehr als tausend Ereignisse auch in einem vergleichsweise überschaubaren Ort wie Gieboldehausen. Aber selbst 100 Ereignisse würden meine Redezeit und ihre Geduld überstrapazieren. Daher möchte ich 10 Punkte aus der Geschichte des Fleckens herausgreifen, die aus Sicht des Chronisten bedeutsam erscheinen und den Ort zu dem gemacht haben, der er heute ist. Die Ausstellung der Urkunde von 1003 kann als erster dieser zehn Punkte gelten, aber nicht weil der Urkundeninhalt für Gieboldehausen irgendwie bedeutsam gewesen wäre, sondern lediglich weil die Urkunde heute Anlaß zum Feiern gibt und mir nur neun weitere bedeutsame Punkte eingefallen sind.

Der 2. Punkt ist da sehr viel wichtiger, im Grunde genommen der Wichtigste von allen: Gieboldehausen wird Verwaltungssitz. Nun mag sich der eine oder andere fragen, warum ich ausgerechnet bei der Begründung der Samtgemeinde in den Jahren 1971 und 73 anfange. Aber das ist nicht meine Absicht, oder doch nur indirekt. Gemeint ist vielmehr, daß Gieboldehausen seit mindestens 700 Jahren Sitz einer überörtlichen Verwaltung ist, mit einer auf die Gesamtzeit hin betrachtet klitzekleinen Unterbrechung von 85 Jahren zwischen 1885 und 1971. Es waren die Braunschweiger Herzöge, die diesen Platz als geeignet auswählten, von hier aus die umliegenden Dörfer zu verwalten und ihnen Schutz zu bieten. Der Erfolg hat ihnen Recht gegeben und schon damals sprach eine ganze Menge für eine solche Entscheidung.   Zum einen lag Gieboldehausen an einer mittelalterlichen Fernstraßenverbindung, die von Süden kommend weiter Richtung Seesen in den Harz führte. Zum anderen bot der Ort natürliche Befestigungsmöglichkeiten. Daß er im Winkel des Zusammenflusses von Hahle und Rhume lag, hatte zwar die lästige Folge, dass die Einwohner jahrhundertelang regelmäßig nasse Füße bekamen. Es bot aber gleichzeitig einen gewissen Schutz gegen feindliche Übergriffe. Hinzu kam der mit einem Steilhang zur Hahle abfallende heutige Kirchberg als erhöhter, gut zu verteidigender Rückzugspunkt. Vermutlich ist hier oben der Herrenhof zu suchen, mit dem alles begann. Ob auch die erstmals 1291 erwähnte Burg der Braunschweiger Herzöge auf dem Kirchberg lag, darüber lässt sich nur spekulieren. Genauer gesagt wird 1291 auch nicht die Burg erwähnt, sondern eigentlich das Gegenteil, nämlich deren Zerstörung durch Truppen des Hildesheimer Bischofs während einer Fehde. Ob die Burg an derselben Stelle wiedererrichtet wurde oder an ihrem späteren Platz, der runden, von einem Wassergraben umgebenen Anlage an der Rhume, ist bislang nicht bekannt. Nachweisen läßt sich der Amtssitz an dieser Stelle, an der er bis zum Jahr 1885 verblieb, erst Ende des 14. Jahrhunderts. Schon weit früher, nämlich 1315 werden erstmals mit der Verwaltung betraute Amtleute zu Gieboldehausen namentlich genannt und seither lässt sich die lange Reihe der Amtleute bis hin zu Reinhard Grobecker mit besagter kleiner Unterbrechung fortschreiben.  
Nur am Rande möchte ich hier noch erwähnen, dass die meisten der ehemals das Amt Gieboldehausen bildenden Orte auch zur heutigen Samtgemeinde gehören. Dass dem Ort als Amts- und Gerichtssitz eine Mittelstellung zwischen Stadt und Dorf zukam, die sich auch in der seit 1450 nachweisbaren Bezeichnung als Flecken manifestiert, brachte für die Einwohner einige Annehmlichkeiten mit sich, die das tägliche Leben erleichterten - sozusagen eine bessere Infrastruktur im Vergleich zu den umliegenden Dörfern.
So durften die Gieboldehäuser ihr eigenes Bier brauen und hatten einen eigenen Markt. Es gab einen Bader, der eine Badestube an der Rhume führte, eine, später sogar zwei bzw. drei Hebammen, seit dem 17. Jahrhundert auch einen Apotheker und seit dem frühen 19. Jahrhundert einen Arzt. Soweit zu der Bedeutung des Amtssitzes.

Kommen wir nun zu Punkt 3 und damit zu der Frage: Was wäre gewesen, wenn die Braunschweiger Herzöge zu Beginn des 14. Jahrhunderts nicht chronisch pleite gewesen wären?   Die Antwort lautet: Herr Edelmann wäre heute Pastor an der Kirche St. Laurentius, Herr Kaminski Pfarrer in einem kleinen, aber feinen Kirchlein an der Marktstraße, und die überwiegende Mehrheit der Gieboldehäuser Einwohner wäre heute evangelisch. Denn wenn die Braunschweiger Herzöge nicht so knapp bei Kasse gewesen wären, hätten sie das Amt Gieboldehausen nicht zusammen mit Duderstadt und anderen Besitzungen an den Erzbischof von Mainz verpfänden und 1342 endgültig verkaufen müssen. Dem Mainzer Erzbischof kam der Braunschweigische Geldmangel ganz gelegen, weil er dadurch seine Eichsfeldischen Besitzungen arrondieren konnte. Seinen Amtsnachfolgern mögen allerdings vor allem im Zeitalter der Reformation gelegentlich Zweifel gekommen sein, ob es denn wirklich so sinnvoll war, dieses widerspenstige Völklein im nordöstlichsten Zipfel des Erzbistums dazuzukaufen. Aber dazu kommen wir unter einem anderen Punkt. Festzuhalten ist: Seit 1342 ist Gieboldehausen endgültig mainzisch und bleibt dies bis zur Auflösung der geistlichen Fürstentümer durch den Reichsdeputationshauptschluss im Jahr 1803. Und ein derartig langer Zeitraum genügt, um den Katholizismus hier tief zu verwurzeln, auch wenn man da von Mainz aus schon mal mit Gewalt nachhelfen musste, aber dazu später. 

Zunächst zu Punkt 4 und zu der Frage: Was wäre Gieboldehausen ohne sein Wahrzeichen, das Schloss? Nun ist dieses Schloss streng genommen gar kein Schloss, noch nicht einmal ein Burgsitz und sein korrekter, aber heute nicht mehr durchzusetzender Name lautet ‚Haus auf dem Wall’. Auch war es entgegen dem unausrottbaren Gerücht niemals, aber auch wirklich nie Sitz des Amtes Gieboldehausen. Nein, es war lediglich das Wohnhaus eines zunächst als Burgmann und später als Amtmann und Oberamtmann in Mainzer Diensten stehenden Adligen und seiner Familie.   Hans von Minnigerode der Jüngere übernahm 1502 den Posten eines Burgmanns und erwarb sehr wahrscheinlich im selben Jahr das an der Hahle gelegene Haus, das damals noch ein zweigeschossiger Steinbau gewesen sein dürfte. Erst um das Jahr 1528, als er bereits Amtmann und damit wohl auch zu etwas mehr Geld gekommen war, erweiterte er das Haus zu dem Gebäude, das heute das Wahrzeichen Gieboldehausens darstellt. Der glückliche Umstand, daß es über Jahrhunderte im Besitz der Familie von Minnigerode blieb, ersparte dem Schloss ein Schicksal, wie es ein Burgmannensitz, die Eulenburg erlitt, die durch zahlreiche Besitzerwechseln immer weiter herunterkam und schließlich aus dem Ortsbild verschwand. Dass auch am Schloss der Zahn der Zeit nagte und immer wieder nagt, davon weiß der Gieboldehäuser Kämmerer zu berichten, denn seit 1986 ist das Schloss im Besitz der Gemeinde und hat seither beträchtliche Restaurierungs- und Unterhaltungskosten verschlungen. Aber das haben die meisten Wahrzeichen so an sich.

Zu Hans von Minnigerode komme ich gleich noch einmal zurück, wenn wir jetzt unter Punkt 5 die Frage abhandeln, was ohne die Jesuiten aus dem kleinen widerspenstigen Völkchen in Gieboldehausen und den umliegenden Orten am Rande des Kurfürstentums Mainz geworden wäre. Die Antwort kennen sie schon: Herr Edelmann wäre heute Pastor an St. Laurentius usw. usw. Vielen ist es heute gar nicht mehr bewußt, daß die gesamte Einwohnerschaft von Gieboldehausen im 16. Jahrhundert über mehr als zwei Generationen überzeugt protestantisch war und dass in St. Laurentius evangelische Gottesdienste abgehalten wurden. Lässt man Martin Luther als Urheber einmal außen vor, dann war einer der geistigen Köpfe dieser Entwicklung in Gieboldehausen besagter Hans von Minnigerode, der sich - wie viele andere Adlige der Umgebung auch - schon früh der lutherischen Lehre zuwandte. Nun konnten die Gieboldehäuser den Mann, anders als ihre heutigen Nachfahren, zwar nicht besonders leiden, weil er ihre Weidemöglichkeiten einschränkte, seine Schafe ständig durch ihren Flecken trampelten und er sie durch andere eigenmächtige Handlungen provozierte. Aber der soziale Vorbildcharakter des Adligen spielte, was die Durchsetzung des reformatorischen Gedankenguts anging, doch eine große Rolle. Hinzu kam, dass auch die als vorbildhaft angesehenen Duderstädter sich bald von der lutherischen Lehre überzeugt zeigten.  Hans von Minnigerode setzte jedenfalls an dem seinem Patronat unterstehenden Altar in St. Laurentius den ersten evangelischen Prediger in Gieboldehausen ein und eröffnete damit eine Entwicklung, die schließlich dazu führte, daß ganz Gieboldehausen etwa 30 Jahre später unisono erklärte, man sei seit Menschengedenken evangelisch und wolle das auch immer bleiben. Das gefiel dem Mainzer Erzbischof verständlicherweise nicht besonders, aber das Untereichsfeld lag weit ab und war dementsprechend schwer in den Griff zu bekommen. Und hier kommen nun die Jesuiten ins Spiel. Sie erhielten nämlich in Rom am Collegium Germanicum eine Spezialausbildung, um Leute wie die widerspenstigen Gieboldehäuser zum rechten, will heißen zum katholischen, Glauben zurückzuführen. Der erste Kandidat mit so geartetem Spezialauftrag, der nach Gieboldehausen entsandt wurde, war der bedauernswerte Martin Weinreich. Bei seiner Ankunft in Gieboldehausen im Herbst 1565 stand er vor verschlossener Kirchentür, weil die Gieboldehäuser den Kirchenschlüssel nicht herausrückten mit der Erklärung, daß sie sich zum Gespött der Leute machen würden, wenn sie das Abendmahl nach katholischem Ritus nähmen. Zwar mussten sie den Kirchenschlüssel dann doch an Weinreich übergeben, aber die Gieboldehäuser machten ihrem neuen Pfarrer das Leben in jeglicher erdenklichen Art schwer, so dass dieser 1576 entkräftet von dem vielen Ärger an der Pest starb. Bewirkt hatte er nichts, denn Gieboldehausen war nach wie vor komplett evangelisch.  Es verging dann noch einmal geraume Zeit, bevor von Mainz aus richtig durchgegriffen wurde. Die Jesuiten der zweiten Generation, die nun ins Spiel kamen, waren offenbar besser geschult und auf einen harten Kurs festgelegt. Sie rückten kurz nach 1600 gleich zu mehreren und in Form von Visitationskommissionen an, die sich die Einwohner einzeln vorknöpften. Jeder wurde vor die Wahl gestellt, zum katholischen Glauben zurückzukehren oder das Land verlassen zu müssen, das heißt, seine Existenz aufzugeben. Angesichts dieser Wahlmöglichkeiten erscheinen die nach Mainz gesandten Erfolgsmeldungen mehr als zweifelhaft, aber trotzdem galt Gieboldehausen seit 1607 als bekehrt und dabei sollte es auch bleiben, denn dieser Zustand wurde mit dem Westfälischen Frieden bis zum Wiener Kongress festgeschrieben. Die Familie von Minnigerode blieb allerdings evangelisch, aber die hatte auch niemand zu bekehren versucht. 

Punkt 6 handelt von Katastrophen, an denen es vor allen in der Zeit vom 17. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts nicht mangelte. Die großen Kriege dieser Zeit mit nicht enden wollenden Truppendurchzügen, Plünderungen durch Freund und Feind und Kontributionen in astronomischer Höhe führten zum wirtschaftlichen Niedergang. Sicherlich - es gab andere Gegenden Deutschlands, denen noch übler mitgespielt wurde und in denen kein Stein auf dem anderen blieb. Aber anderen Regionen wurde beim Wiederaufbau auch mehr geholfen als dem abgelegenen Untereichsfeld, an dem man in Mainz nur mäßig interessiert war. Und immer dann, wenn man gerade meinte, aus eigener Kraft wieder auf die Beine kommen zu können, brach im Ort ein Großfeuer aus. Am 7. Februar 1694 vernichtete ein Feuer 140 Wohnhäuser des Ortes sowie das Amtshaus mit sämtlichen dazugehörigen Gebäuden. Nur der 1622 errichtete Kornspeicher überstand den Brand und danach dann noch zwei weitere, um schließlich 1961, als gerade keiner so genau hinsah, sang- und klanglos abgebrochen zu werden.  Das nächste Großfeuer ereignete sich schon 1712, ein weiteres 1850. Nun könnte man zwar meinen, dass in den 138 Jahren dazwischen erst einmal Ruhe einkehrte, aber in diesem Zeitraum ereignete sich der Siebenjährige Krieg und gegen Ende des 18. Jahrhunderts besonders schwere Missernten. Es gab aber noch etwas, was man unter die Katastrophen zählen kann, in diesem Fall eine sehr langsam wirkende, schleichende Katastrophe, mit deren Konsequenzen man noch Mitte des 20. Jahrhunderts zu tun hatte. Gemeint ist das hier herrschende Gesetz der Erbteilung, das zu einer ständigen Verkleinerung der bäuerlichen Betriebe und zu einer ständig fortgesetzten Aufsplitterung der Parzellen in Klein- und Kleinstparzellen bis hin zur völligen Unrentabilität führte. Verschiedene Bemühungen der Mainzer Regierung, die Erbteilung abzuschaffen, kamen gegen die Jahrhunderte alte Tradition nicht an. Und so traf der letzte Großbrand im Jahr 1850 ein Dorf, in dem weitgehend ärmliche Verhältnisse herrschten. Der Brand vernichtete insgesamt 200 Gebäude, darunter 83 Wohnhäuser, auch die der Wohlhabenderen. Dadurch, dass die Brandgeschädigten bei anderen Einwohnern Unterschlupf fanden, entstand eine drangvolle Enge, in der sich die unmittelbar nach dem Brand wohl aus Magdeburg eingeschleppten Cholerabakterien ungehindert verbreiten konnten. Was Gieboldehausen dann traf, war nach Meinung der zeitgenössischen Mediziner eine der schlimmsten Choleraepidemien im gesamten Deutschen Reich. Ende Juli/Anfang August erreichte die Epidemie ihren Höhepunkt. Sieben Ärzte kümmerten sich um die Erkrankten. Die Gesamtzahl der Erkrankten in Gieboldehausen belief sich nach den Angaben der Ärzte auf 1500-1600 Personen. Bei ca. 2500 Einwohnern bedeutet das, das mehr als jeder zweite erkrankte. Es starben insgesamt 324 Personen. Wen wundert es da, dass in so manch einem der Gedanke reifte, endgültig sein Bündel zu schnüren und auszuwandern. Eine ganze Reihe von Auswanderern hat Gieboldehausen in der Zeit von 1854 bis etwa 1885 verlassen, zunächst vor allem sehr junge Männer, später aber auch ganze Familien. Diejenigen, die in der Heimat blieben, versuchten den bescheidenen Ertrag ihrer Höfe durch Wanderarbeit in der Ferne aufzubessern, vor allem als Maurer. Denn am Ort gab es so gut wie keine Gewerbebetriebe und die Industrialisierung geschah weit ab von hier.

Nach diesem eher trübsinnigen, aber wichtigen Kapitel Gieboldehäuser Geschichte wenden wir uns mit Punkt 7 wieder erfreulicheren Dingen zu. Neben dem Schloss aus der Renaissance und der Barockkirche St. Laurentius hat Gieboldehausen nämlich noch ein weiteres Schmuckstück vorzuweisen: die von dem renommierten Baumeister Konrad Wilhelm Hase entworfene Kirche der evangelischen Gemeinde von 1876/77. Hase schuf mit dem Äußeren wie mit dem Innern des Kirchleins ein Paradebeispiel neogotischer Bauweise im Kleinen. Daß so etwas in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Gieboldehausen möglich war, zeigt schon, daß die evangelische Gemeinde, die sich hier zusammenfand, nicht gerade bettelarm war. Tatsächlich handelte es sich bei der ersten protestantischen Gemeinde nach der Gegenreformation in Gieboldehausen nicht um Eingeborene, die sich auf eine lang verschüttete Tradition ihrer Vorfahren besonnen hätten. Nein, die ersten Mitglieder der evangelischen Gemeinde waren Verwaltungsbeamte des Königreichs Hannover, die hier am Amt und am Gericht tätig waren.   Mit dem Wiener Kongress war nicht nur das Untereichsfeld dem Königreich Hannover zugeschlagen worden, die Deutsche Bundesakte enthielt auch die Bestimmung, dass die Mitglieder aller christlichen Religionen die gleichen Rechte haben sollten. Dies ermöglichte den in einem bislang rein katholischen Territorium lebenden Protestanten die freie Religionsausübung am Ort - wenn sie denn die Mittel dazu hatten. So entstand in Gieboldehausen um die Mitte des 19. Jahrhunderts eine kleine, aber recht vermögende Gemeinde aus evangelischen Regierungsbeamten und anderen Protestanten, die sich hier niederließen. Vor der Erbauung der Kirche und der Errichtung der Pfarrei feierten sie ihren Gottesdienst in einem Raum des Amtshauses.  Mit der Ökumene haperte es allerdings noch bis weit in das 20. Jahrhundert hinein und zwar nicht nur, weil die Katholiken sich von den Protestanten abgrenzten, sondern durchaus auch umgekehrt. So erhielt der evangelische Apotheker Moldenhauer im Jahr 1912 von seinem Gemeindevorstand einen scharfen Anpfiff, weil er anlässlich der Fronleichnamsprozession aus lauter Freude an der schönen Feier die Straße vor seinem Haus mit Laub und Blumen geschmückt hatte. 

Punkt 8 könnte unter der Überschrift ‚Vom Mittelalter in die Neuzeit’ stehen, auch wenn er sich erst auf ein Ereignis am 7. Februar 1901 bezieht - aber es gibt eben Orte, wo das Mittelalter etwas länger dauerte als anderswo. Am 7. Februar 1901 erfolgte die Begründung der Realgemeinde Gieboldehausen und damit wurde der endgültige Schlussstrich unter die bis dahin bestehende Einheit von politischer Gemeinde und der Gemeinde als Zusammenschluss der Gerechtigkeitsbesitzer gezogen. Dieser als Gemeinheitsteilung bezeichnete Prozess fand in Gieboldehausen als einem der letzten Orte in der inzwischen preußischen Provinz Hannover statt. Er hob die seit dem Mittelalter gültige Gemeindeverfassung auf, wonach nur die vollberechtigten Gemeindemitglieder, die auch als Gerechtigkeitsbesitzer bezeichnet wurden, den Gemeinderat bildeten und wonach nur diese ein Nutzungsrecht an der Allmende, also den gemeindeeigenen Ländereien hatten. Diese alte Gemeindeverfassung ließ sich weder mit dem System von freien und gleichen Wahlen in Einklang bringen, noch erlaubte sie eine erfolgreiche Durchführung von Verkopplungsmaßnahmen, in die auch die gemeindeeigenen Ländereien einbezogen werden mussten. Gerade an einem Ort wie Gieboldehausen, in dem über Jahrhunderte das Gesetz der Erbteilung geherrscht hatte, war aber die Durchführung der Verkopplung besonders notwendig, um bessere Existenzbedingungen für die Bauern zu schaffen. Zwar erfüllten die nach der Trennung von politischer Gemeinde und Realgemeinde bis 1912 getroffenen Verkopplungsmaßnahmen nicht alle Erwartungen. Denn auch weiterhin gab es eine viel zu große Zahl von kleinen Einzelparzellen und die zu den einzelnen Höfen gehörenden Parzellen blieben über die ganze Gemarkung verstreut. Der große Verdienst lag jedoch in der Schaffung eines leistungsfähigen Wegesystems und in den erfolgreichen Wasserbaumaßnahmen, was ohne Gemeinheitsteilung nicht durchführbar gewesen wäre. Die politische Gemeinde bestand nun zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach längerer Grauzone zwischen den Stühlen der verschiedenen Gesetze nicht mehr aus den Gerechtigkeitsbesitzern, sondern aus sämtlichen volljährigen Einwohnern der Fleckens - den männlichen versteht sich, denn so ganz war man zu Beginn des 20. Jahrhunderts dem Mittelalter denn doch noch nicht entwachsen. 

Punkt 9 unserer Betrachtungen lehrt, dass Bockbeinigkeit vor Torheit schützen kann. Verstockte Bockbeinigkeit bescheinigte der Landrat des Kreises im Jahr 1942, also immerhin noch neun Jahre nach Anbruch des 1000jährigen Reiches, den Gieboldehäusern, die sich nur oberflächlich in dasselbe fügen mochten. Bei genauerem Hinsehen verbarg das Deckmäntelchen der nominellen Zugehörigkeit zu Naziorganisationen nur schwer die einstigen Wähler der Zentrumspartei und überzeugten Katholiken. Nicht, dass wir es hier mit Widerstandskämpfern zu tun gehabt hätten. Nein, soweit ging es denn doch nicht und auch in Gieboldehausen gab es den einen oder anderen überzeugten Anhänger des Nationalsozialismus, der im Anbruch der neuen Zeit seine Chance witterte. Aber am Großteil der Bevölkerung bissen sich die örtlichen Parteifunktionäre die Zähne aus. Dies belegt eine Reihe von Gutachten über Gieboldehausen aus dem Jahr 1942, die sich durch einen glücklichen Zufall erhalten haben. Nach der Attestierung von Bockbeinigkeit fuhr der Landrat in seinem Gutachten fort: So mag dahingestellt bleiben, ob bei den Männern und Frauen von etwa 40 Jahren an und älter selbst heute noch die Kirche nicht höher steht als ihr Deutschbewusstsein. Was Wunder, dass sich auch hier bei der Jugend ein fröhliches und bewusstes Mitgehen bei HJ und BDM noch nicht bemerkbar macht. Dazu befinden sie sich von Jugend an zu gleichmäßig in der scharfen Zucht der Kirche. Darüber dürfen auch nicht die an und für sich günstigen Mitgliedszahlen der Partei, der NSV, der NS-Frauenschaft, des Deutschen Roten Kreuzes usw. hinwegtäuschen. Denn diese Zugehörigkeit ist mehr eine Zweckmäßigkeitsfrage. Sie ist vornehmlich dann gut und wird betont, wenn es gilt, irgendeinen materiellen Vorteil zu erlangen. Die innere Überzeugung jedoch, zu der sich der Einzelne aus eigener Kraft durchringen soll, fehlt wohl noch bei der überwiegenden Anzahl.  Wie man den Gieboldehäusern die katholische Bockbeinigkeit austreiben wollte, wusste man auch schon. Hierfür sollte die tatsächlich dringend notwendige Ortssanierung genutzt werden. Bei der geplanten Auflockerung des Ortes wollte man vor allem die weniger deutschbewussten Hofbesitzer aussiedeln - und das nicht in die Gemarkung sondern eher dahin, wo der Pfeffer wächst, auch wenn dies nur zwischen den Zeilen der Gutachten gesagt wurde. Aber dazu kam es dann nicht, weil das Tausendjährige Reich glücklicherweise nicht ganz so lange dauerte, wie geplant. Und so lebten die Gieboldehäuser weiterhin beengt aber katholisch - jedenfalls die meisten.  Die beengten Verhältnisse wurden noch enger durch den Zustrom von Flüchtlingen und Vertriebenen schon zu Kriegsende und in der Zeit danach. Und damit kommen wir zu dem letzten Punkt, denn sowohl für die Neuankömmlinge, die hier ihre neue Heimat fanden, als auch für die alten Einwohner mussten dringend annehmbarere Lebensverhältnisse geschaffen werden.

Punkt 10 und Abschluss meiner kleinen Reise durch die Zeiten ist daher mit dem Titel ‚Vom Bauerndorf zum modernen Samtgemeindemittelpunkt’ zu charakterisieren.  Geht man von den Verhältnissen der Nachkriegszeit aus, so war dafür ein Riesenschritt zu bewältigen, angefangen bei der Kanalisation über die Flurbereinigung und Aussiedlung von Höfen bis hin zur Auflockerung des Ortskerns und dem Bau eines neuen Rathauses, der Schaffung eines Gewerbegebietes und der Ausweisung von neuen Wohnbaugebieten. Hört sich im Nachhinein folgerichtig und selbstverständlich an, aber so einfach wie es klingt, war das bei weitem nicht. Um noch einmal auf die Bockbeinigkeit der Gieboldehäuser zurückzukommen: man muss ihnen bescheinigen, dass sie diese zur rechten Zeit eingesetzt und an überkommenen Werten festgehalten hatten. Als es jedoch darum ging, den Anschluss an die moderne Zeit nicht endgültig zu verpassen, gab es im Ort genügend Kräfte, die Neuem gegenüber aufgeschlossen waren. Und dies war die notwendige Voraussetzung dafür, dass Gieboldehausen als einer von ganz wenigen kleineren Orten als Modellprojekt des Bundes und der Länder ausgesucht wurde, um hier die Ortssanierung beispielhaft durchzuführen. Es ist viel passiert in den 30 Jahren seither, man könnte sagen mehr als in den allen Jahrhunderten zuvor. Natürlich hat auch die allgemeine Entwicklung dazu beigetragen, durch die nur noch große landwirtschaftliche Betriebe überlebensfähig und rentabel sind. So ist in dieser kurzen Zeit aus dem ehemaligen Bauerndorf, in dem fast jeder Haushalt zugleich auch einen landwirtschaftlichen Betrieb bildete, ein Flecken mit einer gemischten Wirtschaftsstrukur und überwiegend städtischen Wohnformen geworden. Heinrich II. würde Gebehildehuson nicht wiedererkennen - es sei denn, er hat, wie es sich für einen ordentlichen Heiligen gehört, die ganze Zeit zur Linken oder Rechten Christi gesessen und alles von oben beobachtet. Dann wäre er im Großen und Ganzen zufrieden - denke ich.

 

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